Der leeraner Holocaustüberlebende und geborener Rhauderfehner Albrecht Weinberg ist am 12. Mai 2026 im Alter von 101 Jahren leider verstorben. Er hat uns ein Erbe hinterlassen, welches nicht nur durch seine schmerzhaften Erfahrungen und den Verlust seiner Eltern im Nationalsozialismus, sondern auch durch sein unermüdliches Engagement für die heutige Erinnerungskultur und eine pluralistische Gesellschaft geprägt ist.
Der gebürtige Ostfriese kam am 7. März 1925 in Rhauderfehn als Sohn eines jüdischen Viehhändlers zur Welt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden Menschen jüdischen Glaubens im Deutschen Reich Schritt für Schritt entrechtet, wodurch auch die Existenz der Familie Weinberg gefährdet wurde. Auch der junge Albrecht wurde Opfer dieser zunehmenden sozialen Ächtung und erfuhr in seiner Kindheit Ausschluss aus der Dorfgemeinschaft, der Schule und von seinen ehemaligen Freunden. Mit neun Jahren wurde er Opfer des Pogroms am 9. November 1938, bei welchem er mit seiner Familie durch Leer getrieben und in der Viehhalle eingesperrt wurde. In dieser Nacht wurde außerdem, auf direkten Befehl des Bürgermeisters Erich Drescher hin, die leeraner Synagoge in Brand gesetzt, in welcher der junge Albrecht noch kurz zuvor als letztes Mitglied der örtlichen jüdischen Gemeinde seine Bar Mitzwa gefeiert hatte.

»Wenn einer Hetzreden hält. Nicht umdrehen und weglaufen.« – Albrecht Weinberg
Die folgenden Jahre waren geprägt von Verfolgung, Deportation, Zwangsarbeit und Lagerhaft. Weinberg überlebte mehrere Konzentrationslager, unteranderem Auschwitz-Monowitz, sowie deren Todesmärsche. Nach der Befreiung 1945 aus Bergen-Belsen kehrte er in seine Heimat Leer zurück, die kaum noch seine war: Seine Eltern waren durch das NS-Regime ermordet worden, das jüdische Leben in Leer nahezu ausgelöscht und die jüdische Geschichte der Stadt vernichtet. Nach dem Tod seines Bruders Dieter wanderte Albrecht zusammen mit seiner Schwester Friedel 1947 in die USA aus.

In den Vereinigten Staaten begann für Albrecht Weinberg zunächst ein neues Leben, das vom Wunsch geprägt war, Abstand zu gewinnen und sich eine Zukunft fern der Orte des Leidens aufzubauen. Über viele Jahre sprach er kaum über seine Erfahrungen. Erst Jahrzehnte später reifte in ihm der Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren, vor allem, weil seine Schwester hier bessere Pflege und Unterstützung erhalten konnte. Mit seiner Rückkehr im Jahr 2012 und dem Tod seiner Schwester im gleichen Jahr begann zugleich ein neuer Lebensabschnitt: Weinberg wandte sich zunehmend an die Öffentlichkeit und stellte seine Geschichte bewusst in den Dienst der Erinnerung. Unterstützt wurde er dabei maßgeblich von seiner früheren Pflegerin Gerda Dänekas, zu der sich ein enges Vertrauensverhältnis entwickelte und mit der er schließlich zusammenzog. So wurde er zu einem unermüdlichen Zeitzeugen, der bis ins hohe Alter Schulen, Gedenkveranstaltungen und Gespräche besuchte, um jungen Menschen von seinen Erfahrungen zu berichten und für Verantwortung, Menschlichkeit und Demokratie zu werben.

Ein wichtiger Teil dieser Erinnerungsarbeit war auch die Veröffentlichung seiner Lebensgeschichte in Buchform durch Nicolas Büchse. Dieses bewegende Zeugnis wurde im Herbst des vergangenen Jahres im Rahmen der Anne-Frank-Ausstellung an unserer Schule durch Nicolas Büchse vorgelesen. Die Lesung, eingebettet in die begleitenden Veranstaltungen zur Ausstellung über Anne Frank, hinterließ bei vielen Schülerinnen und Schülern einen tiefen Eindruck. Durch die eindringlichen Worte wurde deutlich, wie eng die großen historischen Ereignisse mit individuellen Lebensgeschichten und unserer Heimat verbunden sind. Die Begegnung mit Weinbergs Erinnerungen schuf einen Raum des Innehaltens, des Fragens und des Nachdenkens und machte Geschichte auf eindrückliche Weise erfahrbar.
Von besonderer Bedeutung für unsere Initiative bleibt zudem das persönliche Gespräch mit Albrecht Weinberg im Sommer 2025. In offener Atmosphäre nahm er sich Zeit für unsere Fragen, berichtete von seinem Leben und hörte zugleich aufmerksam zu. Trotz der Schwere seiner Erfahrungen begegnete er uns mit großer Wärme, Bescheidenheit und einem bemerkenswerten Optimismus. Immer wieder betonte er, wie wichtig es ihm sei, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen und die Erinnerung weitertragen.
Dieses Gespräch bleibt uns als bleibender Auftrag und als wertvolle Ermutigung für unsere Arbeit erhalten. Mit dem Tod Albrecht Weinbergs verliert unsere Region einen wichtigen Zeitzeugen und eine mahnende Stimme der Menschlichkeit und des Humanismus. Sein Vermächtnis wird in unserer Arbeit und im Erinnern vieler Menschen weiterleben.
»Macht nicht dieselben Fehler.« – Albrecht Weinberg


