Wir haben uns am 1. Oktober getroffen und folgendes besprochen: den Gedenkgang am 9. November, die nächste Stele und das Theaterstück mit dem Theater Laboratorium. Hier berichten wir, was wir geplant haben und was dahintersteckt.

Gedenkgang am 9. November
Der Gedenkgang findet am 9. November um 19:00 Uhr statt. Wir starten vor dem Rathaus (Am Markt 2, 26655 Westerstede) auf dem Marktplatz. Alle sind herzlich eingeladen mitzugehen: Schüler:innen, Lehrkräfte, Nachbar:innen und alle, die erinnern möchten.

Wir organisieren den Gedenkgang jedes Jahr, mittlerweile gehen rund 400 Menschen mit: Schüler:innen, Ratsvertreter:innen und viele Bürger:innen. Den Anfang machten Jugendliche nach der Schändung des jüdischen Friedhofs im Jahr 2008. Damals wurden nicht nur Grabsteine beschmiert, sondern auch eine Schule und die Gedenktafel an der Stadtbücherei, wie Alemannia Judaica dokumentiert.
Für uns ist der Gedenkgang mehr als ein Spaziergang. Er verbindet Orte, an denen jüdisches Leben in Westerstede stattfand, mit den Geschichten der Menschen dahinter. Wir hören kurze Reden von Schüler:innen, Lehrkräften und Gästen, wir hören Musik, und wir halten inne. In diesem Jahr soll dabei auch die neue Stele enthüllt werden. Erinnerung ist für uns keine einmalige Handlung. Wir tun sie jedes Jahr neu, gemeinsam und öffentlich.

Die nächste Stele: Familie Silberbach
Ein großes Thema bei unserem Treffen war die nächste Stele. Sie soll in der Kuhlenstraße bei Edeka stehen. Eigentlich war die nächste Stelen-Gruppe auf dem Klinikgelände geplant, dem früheren Grundstück der Familie Frank, dort läuft aber noch eine große Baustelle, weshalb das nicht möglich ist. In der Nähe, in der Kuhlenstraße 47, wohnte mehr als 16 Jahre lang die Familie Silberbach. Ihre Kinder besuchten unser Gymnasium und sind bis heute im Denkmal im Innenhof der Schule vertreten.

Diesen Mitschüler:innen fühlen wir uns besonders verbunden, das haben wir auch in unserem Antrag an die Stadt so formuliert. Die Stele entsteht in Absprache mit den Eigentümern und Pächtern des Grundstücks. So wird aus einem Namen im Innenhof des Gymnasiums Westerstede ein Ort mitten in der Stadt, an dem sich Menschen begegnen und erinnern können.
Theaterstück am 11. November
Gemeinsam mit dem Theater Laboratorium aus Oldenburg zeigen wir das Stück „Wenn ich wieder klein bin – Eine Erinnerung an Janusz Korczak“ (Seite des Theaters). Es gibt zwei Aufführungen: vormittags für Schüler:innen ab Jahrgang 10 und öffentlich am 11. November 2026, Uhrzeit: [ergänzen]. Der Eintritt ist frei, denn das Stück wird aus Mitteln der Demokratiearbeit gefördert. Die Tickets vergibt die KVHS. Wer dabei sein möchte, meldet sich daher über deren Webseite an.

Das Stück erinnert an den polnischen Juden Janusz Korczak, der 1878 als Dr. med. Henryk Goldszmit geboren wurde. Er gab seine Arztkarriere auf, um sich als Erzieher um Waisenkinder zu kümmern, und leitete mehr als 30 Jahre das jüdische Waisenhaus in Warschau. Er verstand es, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. Die Zeit mit ihnen war für ihn eine „gemeinsame gute Lebensstunde“, die nie wiederkehrt.
Die Herrschaft der Nationalsozialisten veränderte alles. 1940 musste das Waisenhaus ins Warschauer Ghetto umziehen. Die Lebensbedingungen dort waren katastrophal, doch Korczak stellte sich immer wieder schützend vor die ihm anvertrauten Kinder. Sie sollten keine Angst vor dem haben, was geschehen würde. Am 5. August 1942 begleitete er seine rund zweihundert Kinder in das deutsche Vernichtungslager Treblinka. Dort verliert sich seine Spur.

Das Theater Laboratorium in Oldenburg ist vor allem für sein Figurentheater bekannt. Mit diesem Stück erzählt es von einem Menschen, der nicht wegsah und die ihm anvertrauten Kinder bis zuletzt nicht allein ließ. Für uns passt das zum Thema des Gedenkgangs: Es geht um konkrete Menschen und ihre Geschichten, nicht um Zahlen. Gerade für Schüler:innen ab Jahrgang 10 ist es ein besonderer Zugang, weil Korczaks Geschichte von Kindern erzählt und doch zum Nachdenken über Verantwortung anregt.
Hintergrund: Stolpersteine oder Stelen?
Warum stellen wir Stelen auf und verlegen keine Stolpersteine? Diese Frage beschäftigt Westerstede schon lange. Im Jahr 2008 wurde über einen Antrag auf Stolpersteine beraten, die bekannten Gedenksteine des Künstlers Gunter Demnig. Der Ausschuss für Kunst und Kultur sprach darüber mit Sara Schumann, der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Oldenburg. Am Ende stand die gemeinsame Einschätzung, dass Stolpersteine nicht die richtige Form für Westerstede sind. Der Grund: Schon wenn sich einzelne Betroffene dadurch erneut mit Füßen getreten fühlen könnten, sollte man auf diese Form verzichten.
Als Alternativen kamen Tafeln oder Stelen an den betroffenen Häusern in Frage. Sara Schumann riet außerdem zu lebendiger Erinnerung, am besten durch Jugendliche und durch regelmäßige Veranstaltungen. Dass der Gedenkgang am 9. November stattfindet, entspricht ebenfalls ihrem Wunsch.
Im Frühjahr 2025 haben wir gemeinsam mit den Schülerräten des Gymnasiums und der Oberschule sowie dem Jugendbeirat der Stadt beantragt, Erinnerungszeichen an den Wohn- und Wirkungsstätten verfolgter Jüdinnen und Juden anzubringen. Als Vorbild dienen München und Oldenburg. Der Kulturausschuss stimmte dem Antrag einstimmig zu (NWZ). Wichtig ist uns dabei, dass alles im Einvernehmen mit den heutigen Eigentümern geschieht.
Hintergrund: Jüdisches Leben in Westerstede
Westerstede hatte nie eine eigene jüdische Gemeinde. Die wenigen Jüdinnen und Juden vor Ort gehörten zunächst zu Varel, später zu Oldenburg. Trotzdem legten sie 1890 einen eigenen Friedhof an, den der Viehhändler Seckel Leser Frank gründete. Zwölf Grabsteine sind erhalten, darunter die der Familien Polak, Meyer, Frank und Hoffmann. Ein Gedenkstein erinnert an David Hoffmann, der im Konzentrationslager ermordet wurde (Alemannia Judaica).

Auch in der Stadt gibt es Orte, an denen diese Geschichte sichtbar wird. Die Stadtbücherei in der Poststraße war früher das Wohnhaus der Familie Polak und kam im Zuge der Judenverfolgung in den Besitz der Stadt. Seit 1988 hängt dort eine Gedenktafel mit den Namen der Westersteder Jüdinnen und Juden, die in der NS-Zeit umkamen. Sie wurde damals zusammen mit einer öffentlichen Entschuldigung des Bürgermeisters und im Beisein von Zeitzeugen aus Israel enthüllt. Der Historiker Werner Vahlenkamp arbeitete die Geschichte der Westersteder Juden auf. Die Grundstücke der Familien Siegfried Meyer (heute das Jobcenter) und Frank (heute das Klinikgelände) gehören heute dem Landkreis (Beschlussvorlage). An der Stadtbücherei steht auch unsere erste Stele.
Dass wir hier besondere Verantwortung tragen, zeigt ein Blick in die Wahlergebnisse. Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erhielt die NSDAP im Ammerland 77,8 Prozent der Stimmen, im gesamten Reich waren es 37,3 Prozent (NWZ).
Zum Schluss
Erinnern passiert nicht von allein. Es braucht Orte, an denen man innehalten kann, Menschen, die Geschichten weitertragen, und Anlässe, bei denen wir uns begegnen. Genau darum geht es uns: Westerstede soll sich daran erinnern, wer hier gelebt hat, was ihnen angetan wurde und welche Verantwortung daraus für uns heute folgt. Wir freuen uns, wenn ihr am 9. November um 19:00 Uhr auf dem Marktplatz dabei seid und am 11. November das Theaterstück besucht. Gemeinsam sorgen wir dafür, dass Westerstede nicht vergisst.

